Lennart Grau

2 CM ÜBER DEM ZENIT

February 27 until April 16, 2016

Vernissage: February 26, 19 – 21

Beyond Beauty. Über die eskapistische Malerei von Lennart Grau – von Angela Stief

An einem tristen Nachmittag im Herbst besuchte ich Lennart Grau in seinem Atelier in Berlin. Nach einer Fahrt durch Straßen, gesäumt von gleichförmigen Plattenbau-Wohnsiedlungen, erreichte ich Berlin-Hohenschönhausen. Vorbei an der Gedenkstätte, auf deren Gelände sich früher die zentrale Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit befand, kam ich zu meiner Zieladresse. Ein ehemals wohl abgeriegeltes Hochsicherheitsareal, das heute Künstlern als Studio dient und das, wie ich später erfahren werde, zu DDR-Zeiten der Standort der Stasi-Zentrale war.
Dies ist also der städtebauliche Kontext und der gesellschaftshistorische Background, von dem die opulente und farbenprächtige Malerei des 1981 in Krefeld geborenen Künstlers Lennart Grau ihren Ausgang nimmt. Noch krasser könnte der inhaltliche und formal-stilistische Gegensatz, der sich hier zu einer Kluft zwischen politischer Vergangenheitsbewältigung und einer dekadenzverdächtigen Ästhetik verbreitert, nicht sein. Doch die sozialrealistische Kontrastfolie, die sich für den Künstler rein zufällig ergeben hatte, spielt nicht nur für den Atelierbesucher eine Rolle: Sie betont auch den Aspekt der Übersteigerung in einer Malerei, die sich in das gegenwärtige Kunstgeschehen, welches häufig von einer reduzierten Ästhetik und einem Hang zur Abstraktion gekennzeichnet ist, nicht so richtig einfügen will. Diese Negation, die Lennart Grau in seiner Kunst vollzieht, stellt klar, dass er weder vom urbanen Kontext noch von modischen Strömungen in der Kunst beeinflusst ist. Dennoch fühlt er sich weder einer Haltung des Widerstands, eines kompetitiven Abgrenzens noch eines Anders-Machen-Müssens verpflichtet; seine Distanz zu derzeit geläufigen Bildsprachen nährt einen Eskapismus, der vielleicht nur einen Ausgangspunkt und einen Anlass für das Abdriften in eine andere, viel schönere und imposantere Welt als Surrogat für eine in der Jämmerlichkeit befangene und in den Zwängen des Alltags verhaftete Existenz sucht. Das Wesen dieser Malerei ist, dass sie verführend entführt.

Lennart Graus Bilder, die er in Klein-, verschiedenen Mittel- und auch Großformaten ausführt, haben einen gewissen anachronistischen Charakter, da sie sich gerne der Vergangenheit zuwenden, um dort Sujets und Vorlagen zu suchen. Inspiriert von der Ästhetik des Rokoko, des Biedermeier und des Barock kehrt der Künstler von seinen Recherchen im Internet und in alten Auktionskatalogen mit ausgewählten Stillleben, Landschaftsszenen, Herrscher- und Heldenporträts in das Hier und Jetzt zurück, um in handwerklicher Könnerschaft, in Acryl und Öl auf Leinwand eine überbordende Fantasiewelt zu erschaffen. Graus Auseinandersetzung mit historischen Bildern, deren Appropriation und idiosynkratische Übercodierung stellt eine gelungene Balance zwischen Impression und Expressivität dar. Vor farblich changierenden, goldenen, grünen, türkis- und lilafarbenen Hintergründen, die das eine Mal an textile Brokattapeten, das andere Mal an lichte Horizonte und illusionistische Vorhänge erinnern, erheben sich Figuren aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen und professionellen Milieus. Der Künstler, der an der Universität der Künste Berlin studierte, macht seine Protagonisten durch Gewänder und typische Posen kenntlich und stellt sie, wie er selbst sagt, „2 cm über dem Zenit“ – so lautet auch der Ausstellungstitel – dar. Den Höhepunkt der Macht haben sie bereits überschritten, ihre eitle Vergänglichkeit betont Lennart Grau durch die Überzeichnung ihrer vestimentären Ausstattung und den reich dekorierten Interieurs. Und im wahrsten Sinne des Wortes entkommen sie dem zweidimensionalen Bildträger, da die pastose Farbmasse sich zu reliefartigen Strukturen verdichtet und in den realen Raum des Betrachters hineinragt. Sie löst sich von der Gegenständlichkeit, die sie gerade noch beschrieben hat, verzaubert durch autonome Präsenz und richtet die Aufmerksamkeit auf die Maltechnik, die Farbmischungen, die marmorierten Strukturen, die ondulierenden Verläufe, die wie Lava auf der Bildoberfläche fließen und sich durch helle Glanzlichter behaupten.

Sowohl die Figuren, deren Gesichter identitätslos und ohne spezielle Charakteristika bleiben – meistens sind nur Augenhöhlen dargestellt – und die sinnlichen Landschaften, wie auch die reichen Blumenbouquets und die opulenten Stillleben liefern vor allem den Impuls für einen ausufernden künstlerischen Drang zur dekorativ-ornamentalen Stilisierung. Die daraus resultierende und so evidente Affirmation des Schönen mündet häufig in eine ästhetische Überdosis, die in der Kulturgeschichte als Kitsch sowohl verdammt als auch, etwa in der Pop Art, gepriesen wurde. Als Stilmittel und Affektreservoir ist der Kitsch mit seinem künstlerischen Pathos und dem Hang zur unverstellten Sentimentalität längst in der Hochkultur angekommen. Gelegentlich wurde dem Kitsch unterstellt, dass er das, was der Fall ist, vollkommen ironiefrei affirmiere. Doch diese Argumentation übersieht, dass gerade in der Übersteigerung und der Maßlosigkeit auch ein ironisches Prinzip liegt – vielleicht als zeitgenössische Lesart von Jean Baudrillards Strategie der Affirmation. Lennart Graus Kunst hat trotz der historischen Anleihen nicht viel mit den 1980er-Jahren, der Postmoderne und deren zitierendem Aneinanderfügen von Zeiten und Stilepochen zu tun, aber weiß wie Heinz von Förster, dass die Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist. Denn zuviel ist gerade gut genug. Manierismus at its best!


Beyond Beauty. About the escapist painting of Lennart Grau – by Angela Stief

On a dreary afternoon in the fall, I visited Lennart Grau in his studio in Berlin. After a drive through streets lined by uniform prefab housing, I reached Berlin-Hohenschönhausen at the outskirts of the city. Just past the memorial on the grounds of former East German’s main detention facility run by the feared Ministry of State Security, I arrived at my destination. Back then it was a strictly sealed-off security zone, but now it serves as studio space for artists. Later I learned that it had once been the headquarters of the civilian surveillance apparatus, aka the Stasi. It is from within this urban context and in front of this societal-historic backdrop that the opulent and colorful painting of Lennart Grau, who was born in 1981 in Krefeld, is created. There could be no starker substantive and formal-stylistic contrast than that of the chasm gaping between such an attempt to cope with the political past and this aesthetic on the verge of decadence. But the scenery of social realistic contrast, which was merely accidental for the artist, plays a role for visitors to the studio and far beyond: It stresses, too, the aspect of exaggeration in Grau’s painting, which does not really want to fit in with the current art scene with its oftentimes characteristic minimal aesthetic and penchant for abstraction. This negation that Lennart Grau executes in his art makes it clear that he is neither influenced by the urban context nor the fashionable trends in art. And in fact he doesn’t even feel the need to take an attitude of resistance, nor distinguish himself competitively, nor to do it differently; his distance to the currently prevailing visual language nurtures an escapism, which perhaps seeks a point of departure and a reason to drift off into another, much more beautiful and imposing world as a surrogate for an existence trapped in the wretchedness and arrested in the constraints of the day-to-day. The essence of his painting is that it seductively abducts the viewer.

Lennart Grau’s paintings, which come in small, various middle and even large formats, have a certain anachronistic character because he likes to turn to the past in looking for his subjects and models. Inspired by the aesthetics of the Rococo, Biedermeier and Baroque, he scours the Internet, auction catalogues and art publications for choice still lifes, landscapes, ruler and hero portraits that offer a visual pithiness which can hardly be found in the iconographic repertoire of contemporary art. With skilled craft, in acrylic and oil on canvas, he creates exuberant fantasy worlds. The way Grau works with historical images, their appropriation and their idiosyncratic overcoding represents a successful balance between impression and expressiveness. Before the tonally shimmering gold, green, turquoise and purple backgrounds, which are sometimes reminiscent of brocade wallpaper, sometimes lit-up horizons and mimic the illusion of theater curtains parting, figures from various societal and professional milieus appear. The artist, who studied at the Berlin University of the Arts (UdK), gives his protagonists their character through garments and typical poses, and presents them, as he himself puts it, “2 cm über dem Zenit” (2 cm above the zenith) – which is also the title of the exhibition. They have already surpassed the highpoint of their worldly power. Their vain transience emphasizes Grau, who has long been interested in political iconography, through the exaggeration of their vestiary accoutrements and richly decorated interiors. In the truest sense of the word, they escape the two-dimensional canvas, since the pasty color masses curve up into relief-like structures and extend into the real space of the viewer. They disengage from the representation of the objects to articulate the autonomous quality of mixed paint, the marbled structures, the undulating curves, flowing like lava on the surface.

The figures whose faces remain void of identity and without special characteristics – mostly just eye sockets are visible – as well as the sensual landscapes, the rich flower bouquets and the sumptuous still lifes deliver one thing above all, namely, the impulse of a sprawling artistic urge towards decorative ornamental stylization. The resulting unconditional affirmation of the beautiful often leads to an aesthetic overdose, which was once damned in the history of culture as kitsch and then praised in turn in Pop Art. As a stylistic means and an affective reservoir, kitsch with its artistic pathos and a proclivity for interminable sentimentality has long been at home in contemporary high culture. Occasionally kitsch has been accused of being completely devoid of irony, and uncritically affirmative. But this argument overlooks that in the exaggeration and the excessiveness there is also an ironic principle – perhaps as a contemporary reading of Jean Baudrillard’s strategy of affirmation. Despite the historic connection, Lennart Grau’s art has little to do with the 1980s, with postmodernism and its references of adding together times and epochs. Rather his art construes an imago of the present as alternative world, knowing full well that the truth is the invention of a liar (Heinz von Förster). Because too much is just enough. Mannerism at its best!